Kohäsion und Verbindung stärken

Gedanken zur Theorie und Praxis Soziokultureller Animation

Es gibt so viel mehr, was uns Menschen miteinander verbindet, als was uns trennt: Alle atmen dieselbe Luft. Alle sind denselben Naturgesetzen unterworfen. Alle teilen ähnliche Grundbedürfnisse und die zutiefst menschliche Fähigkeit zur Empathie.

Grosse philosophische und spirituelle Traditionen, der Geist der Aufklärung oder auch die Deklaration der Menschenrechte versuchten, diesen Prämissen des Mensch-Seins Rechnung zu tragen.

Diese grundlegenden Gemeinsamkeiten sind in den aktuell geführten Diskursen in keiner Art und Weise abgebildet: Links wie rechts des Spektrums liegt der Fokus auf der Differenz – sei es gesellschaftlich in den Diskursen zu Identitätspolitik, politisch in Populismus und extremer werdenden Positionen, wirtschaftlich in Protektionismus und Isolationismus, soziologisch in der fortschreitenden Individualisierung (bis Atomisierung) der Gesellschaft.

Husi betont, die Kohäsion der Gesellschaft sei fragil und drohe zu zerfallen.

Sicher, andere Menschen können herausfordernd sein. Wie stöhnte bereits Sartre:

«l’enfer, c’est les autres»

Doch formulierte Dürrenmatt nicht treffend: «Was alle angeht, das können auch nur alle lösen»?

Die professionelle Aufgabe Sozialer und Soziokulturellen Arbeit kann das Finden und Bewusstmachen der grossen Klammer im Gemeinwesen sein – jener, die Gegensätze überwindet und verbindet. Das Anregen von Kommunikation zwischen Menschen und Gruppen, das Übersetzen von Sichtweisen und Bedürfnissen, das Vermitteln in Konflikten: Dies sind zentrale Aufgaben, welche den Gemeinsinn wecken und stärken.

Es drängt sich die Frage auf, was dem Gemeinsinn entgegensteht und die Kohäsion fragil macht. Im Folgenden werden zwei Aspekte auf einer Zeitachse beleuchtet.

Gegenspieler:innen der Kohäsion

Spannend liest sich die Analyse von Hüther und Spannbauer, warum sich das Bild der Einzelkämpfer:in, die ihres Glückes Schmied:in ist, so stark in der westlichen Kultur festsetzen konnte: Sie erklären sich die Überzeugung, das Individuum komme allein am besten voran, mit dem in Renaissance und Aufklärung einsetzenden Erstarken des Individuums – in Abgrenzung zu sozialen wie auch religiösen Zwängen.

Auch in den erstarkenden Wissenschaften war es für die einzelnen Disziplinen am einfachsten, etwas zu beobachten, wenn es aus seinem üblichen Kontext herausgelöst und in einer Laborsituation untersucht wurde. Man dachte, gemäss Dürr, lange, man müsse sich über die Natur aufschwingen, um überleben zu können, sowie immer mehr unterteilen und separieren, um verstehen zu können. Durch diese Trennung verlor die Wissenschaft ihm zufolge das Wesentliche – das Lebendige – aus dem Blickfeld.

Gemäss Karniol et al. spielen Empathie und positive Emotionen in Interaktionen eine überragende Rolle dabei, zu welchem Grad Menschen sich zugehörig und verbunden fühlen. Die wachsende Anonymität, Begegnungsarmut und Individualisierung sind gemäss Putnam zentrale Ursachen für nachlassende gesellschaftliche Kohäsion. Info-Bubbles in sozialen Medien, welche aufgrund von Algorithmen nur Inhalte anzeigen, die die eigene Position perpetuieren, führen zudem oft zu negativen Emotionen und einem Mangel an Empathie.

Was fördert Verbindung und Kohäsion?

Kommunikation

Das Gespräch ist die einzige Brücke zwischen zwei Menschen – sagte Camus. Gespräch und Kommunikation haben die Macht, die existenzielle Einsamkeit des menschlichen Wesens zu überwinden.

Der Konstruktivismus, wie ihn Watzlawick vertrat, besagt, dass jede und jeder fortwährend seine eigene Realität erschafft, jede:r also in einer eigenen Bubble lebt. Kommunikation überwindet diese Einsamkeit, indem Verbindung und Resonanz möglich werden.

Watzlawick sieht uns Menschen als ursoziale Wesen: Kommunikation vollzieht sich ganz automatisch zwischen uns Menschen, wenn wir zusammenkommen. Wir nehmen Bezug aufeinander, gehen in Resonanz, reagieren aufeinander. Und weil wir zutiefst auf Interaktion angelegt sind, können wir gemäss seinem Axiom auch nicht nicht kommunizieren.

Der Konnektivismus, der Lernen und Wissenserwerb als sozialen Prozess versteht, bei dem Menschen voneinander lernen und ihr Wissen gemeinsam erweitern, bekräftigt: Wir lernen nicht isoliert, sondern durch Interaktionen. Entscheidend dafür sind Kooperation und der Austausch von Ideen.

Kooperation

Kooperation schafft durch das Verfolgen gemeinsamer Ziele, regelmässige Kommunikation und das Teilen von Erfolgen ein Umfeld, in dem sich Menschen sicher und verstanden fühlen. Diese Faktoren fördern den Aufbau von Vertrauen, emotionalen Bindungen und einem tiefen Gemeinschaftsgefühl.

So wird gemäss Walzer die Zivilgesellschaft geformt:

«Männer und Frauen, die sich aktiv engagieren – im Staat, in der Wirtschaft und der Nation, ebenso wie in den Kirchen, Nachbarschaftsvereinen, Familien und vielen anderen Handlungsräumen».

Denn: «Das Leben innerhalb der freiwilligen Vereinigungen der zivilen Gesellschaft ist der wirkliche Boden, auf dem alle Spielarten des Guten ausgearbeitet und geprüft werden.» (Walzer)

Aneignung von & Identifikation mit Räumen

«Aneignung impliziert das aktive Handeln des Subjekts, seine Auseinandersetzung mit der räumlichen und sozialen Umwelt» (Deinet/Reutlinger). Prozesse der Identifikation und Aneignung von Räumen ermöglichen es Individuen und Gemeinschaften, eine emotionale, soziale und kulturelle Beziehung zu ihrem Umfeld aufzubauen.

Enge Beziehungen zu Nachbarn, Freunden oder lokalen Gemeinschaften verstärken die Identifikation. Positive Erfahrungen und gemeinsame Erinnerungen erhöhen diese zusätzlich. So erhalten Räume eine symbolische Bedeutung, werden Teil der Identität der Menschen und stärken die emotionale Bindung. Folgen davon sind ein erhöhtes Verantwortungsgefühl und Engagement für «ihren» Raum sowie stärkere soziale Bindungen durch gemeinsame Nutzung. Daraus erwächst grösseres Wohlbefinden und Stabilität.

Verbundenheit schafft Werte

Philosophische wie spirituelle Traditionen entwickelten je ihre eigene Ausprägung der goldenen Regel, welche im Kern besagt:

«Was Du Dir nicht für Dich selbst wünschst, das füge auch keinem anderen zu.»

Dieser Zugang setzt beim geteilten Mensch-Sein an, den verbindenden Grundbedürfnissen aller Menschen. Geteilte Werte bilden als Grundlage des Zusammenlebens den kulturellen Kern einer Gemeinschaft. Sie geben Orientierung, Sicherheit und Identität – und sind die Wurzeln und die gemeinsame Basis für die Gestaltung des Zusammenlebens. Werte können Karriere machen; dann werden sie vielleicht gar zu Menschenrechten erhoben.

Relevanz für Soziale und Soziokulturelle Arbeit

Soziale Arbeit kann gefährdeten sozialen Beziehungen neue Beziehungsangebote gegenüberstellen, schaffen und pflegen, Beteiligungsmöglichkeiten erweitern und bei Konflikten vermitteln (Hug). So werden der gesellschaftliche Zusammenhalt und das gegenseitige Vertrauen gestärkt (Charta der Soziokulturellen Animation).

Wettstein sieht in dieser Förderung von Zivilgesellschaft, Partizipation und Kohäsion den Kern soziokultureller Animation. Bezzola und Gäumann heben in diesem Kontext den zwischenmenschlichen Charakter solcher Aktivitäten hervor, die sich oft auch des lateinischen «inter» bedienen: intergenerationell, interethnisch, interreligiös. «Inter» bedeutet hier stets «verschiedene Bevölkerungsgruppen verbindend». Diese Interposition wird der Soziokulturellen Animation ausdrücklich zugeschrieben.

Was tun?

Partizipativ gemeinsam gestalten

Die Nobelpreisträgerin Ostrom hat eindrücklich aufgezeigt, dass die tragfähigsten Lösungen dann erzielt werden, wenn alle Nutzenden einbezogen sind und gemeinsame Regelungen vereinbart werden. Sie hat etwa untersucht, was dazu beiträgt, dass in den Schweizer Alpen Allmenden, Fischereigründe in der Türkei, von Brunnen und vieles mehr einvernehmlich und gemeinsinnig genutzt werden.

Partizipation im Gemeinwesen ist deshalb so bedeutend, damit sich über das gemeinsame Gestalten des Sozialraums Aneignung und Identifikation mit eben diesem vollziehen kann – von dem alle Teil-Sind.

Bei Gemeinsamkeiten ansetzen

Geteilte Geschichten und Narrative bringen Menschen zusammen. Sie schaffen Verbindung und Zugehörigkeit. Um Verständigung zu ermöglichen – als geglückte Kommunikation, im Gegensatz zum Beharren auf dem eigenen Standpunkt – sind Fakten weniger geeignet als Geschichten.  Ein guter Ausgangspunkt sind Werte, welche beide Gesprächspartner:innen teilen. Von hier aus können Erzählungen Brücken bauen.

Alle sind angesprochen

In Problem-Situationen, in denen Routine-Handeln nicht möglich ist, braucht es nach meiner Überzeugung mehr Austausch und Kooperation – lokal wie global –, um gemeinsam Probleme zu lösen, für die es noch kein erprobtes Vorgehen gibt. Gemäss Schmid braucht es dafür sorgende «Ichs», die das «Wir» pflegen.

Hier setzt die Soziokultur an, um gemäss Husi «Menschen zu verbinden».

Denn: «Wenn wir unsere Gesellschaft nicht gestalten – tun dies andere ! (Schreiber)»

Quellen

  • Deinet, U. & Reutlinger, C. (Hrsg.). (2004). „Aneignung» als Bildungskonzept der Sozialpädagogik. VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Hug, A. (2010). Eine Praxis der alltäglichen Demokratie. Zur Aktualität von Jean-Claude Gillets «Animation. Der Sinn der Aktion» und Marcel Spierts’ «Balancieren und Stimulieren». In Bernard Wandeler (Hrsg.), Soziokulturelle Animation. Professionelles Handeln zur Förderung von Zivilgesellschaft, Partizipation und Kohäsion. Interact.
  • Husi, G. (2019). Teilhabe. In Jean-Michel Bonvin, Valérie Hugentobler, Carlo Knöpfel, Pascal Maeder & Ueli Tecklenburg (Hrsg.), Wörterbuch der Schweizer Sozialpolitik. Seismo.
  • -Hüther, G. & Spannbauer, C. (Hrsg.). (2012). Connectedness. Warum wir ein neues Weltbild brauchen. Verlag Hans Huber / Hogrefe.
  • Ostrom, E. (1999). Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt. Mohr Siebeck.
  • Schreiber, D. (2025). Liebe: Ein Aufruf. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
  • Walzer, M. (1992). Zivile Gesellschaft und amerikanische Demokratie. Rotbuch.
  • Watzlawick, P., Beavin, J. H. & Jackson, D. D. (1969). Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Hans Huber.

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