„Was alle angeht, können auch nur alle lösen.“ (F. Dürrenmatt)
Die Teilnahme und Teilhabe der Individuen an der Gesellschaft zu fördern, ist für alle Sozial Arbeitenden von überragender Bedeutung, um das Ziel einer inklusiveren Gesellschaft, von der Alle Teil sind, realisieren zu können. Dies umso mehr in Zeiten, in denen der Fokus der aktuell geführten Diskurse auf der Differenz liegt und erosive Kräfte die Kohäsion der Gesellschaft auf die Probe stellen.
Dieser Artikel will die Bedeutung der Partizipation im Kleinen und im Grossen unterstreichen, um Menschen zu Teilnahme und Teilhabe einzuladen, die Identifikation mit dem Sozialraum zu erhöhen, und so zu einem lebendigen Gemeinwesen beizutragen.

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Partizipation
Das lateinische Verb «participare» bedeutet «teilnehmen lassen, teilen, teilhaben an» (Duden). Um von Partizipation sprechen zu können, geht es in Abgrenzung von einer blossen Teilnahme bei der Teilhabe immer um Prozesse, bei denen Betroffene selbst bei für sie relevanten Themen mitgestalten und Entscheidungen treffen sollen (Theunissen). Oder, mit Husi gesprochen: Teilnahme – Teilhabe – Teilsein.
Lüttringhaus unterscheidet fünf Stufen der Partizipation. Von echter Partizipation kann die Rede sein, wenn Adressat:innen nicht nur informiert werden oder wenn ihre Sichtweisen eingeholt werden (Stufen 1 und 2), sondern wenn sie in Einscheidungs- und Umsetzungsprozesse involviert werden. Und sogar gegebenenfalls die Kontrolle über die Initiative in Selbstverwaltung übernehmen.

Lüttringhaus
Bedürfnisse sichtbar machen und Ressourcen aktivieren
Zentral für die partizipative Arbeit im Sozialraum sind die Orientierung an Bedürfnissen und Ressourcen der Adressat:innen, damit sie sich wirklich einbringen. Sowie die Nähe an der Lebenswelt. Ideale Voraussetzungen für Partizipation sind eine hohe Betroffenheit und hohe Gestaltungsmöglichkeiten (Jaun).

Husi verweist darauf, dass Partizipation mehr noch als die Teilnahme auf ein «Mit» abzielt, auf ein Zusammen. So werden Partizipationsmöglichkeiten wichtige Voraussetzungen für gemeinschaftliches sowie zivilgesellschaftliches Handeln (politisch sowie sozial).
Dies lässt sich überall da beobachten, wo aus Betroffenen wirklich Beteiligte werden:
- In einer Schuleinheit bei der gelungenen partizipativen Planung und Umsetzung einer Veranstaltung, welche dadurch ein enormes Momentum erreichen und ein verbindendes Erlebnis für eine grosse Gruppe werden kann, wie etwa ein partizipativ im Schüler:innen-Parlament geplantes und in Kooperation der Schülerinnen und Schülern realisiertes Schulfest.
- In der Politik, wenn ein für viele Menschen relevantes Thema ausgenommen und in eine Form gebracht werden kann, so dass eine nicht für möglich gehaltene Mobilisierung geschehen kann, wie letztmals in Rahmen der Klima-Demos beobachtbar.
Voraussetzungen sind, dass sich Menschen stark identifizieren: mit einem Thema, einem Anliegen, einem Sozialraum, …
Dann kann ein Zusammenschluss von Menschen Dinge realisieren, welche Einzelnen gänzlich verwehrt geblieben wären: Eine Einzelperson ist in gesellschaftlicher Hinsicht hilflos, sagen Putnam und Gross in Husi dann auch. Wenn diese Person jedoch in Kontakt mit Nachbarn komme, und zusammen wiederum mit weiteren Nachbarn, sammle sich Sozialkapital an, welches potenziell für eine substanzielle Verbesserung der Lebensbedingungen der gesamten Gemeinschaft ausreiche.
Herausforderungen und Potenziale
- Herausforderungen bestehen etwa darin, Menschen wirklich zu erreichen und zu mobilisieren. Hindernisse dafür sind der soziale Rückzug vieler Menschen in Private, und die fortschreitende Individualisierung, wodurch traditionelle soziale Strukturen wie Familie, Vereine, Zivilgesellschaft, etc., an Bedeutung einbüssen. Eine Studie von Hampton et al. zeigt, dass die Nutzung sozialer Medien zu schwächeren sozialen Bindungen führt und die Zahl von engen, tiefen Beziehungen tendenziell abnimmt. Eine weitere Herausforderung sind die Informations-Bubbles in Sozialen Netzwerken, die oft in sich geschlossen sind und dadurch zu einer Konzentration der Interkationen innerhalb der jeweiligen Bubble sowie zu einer Verengung der Perspektive führen.
- Partizipative Prozesse haben das Potenzial, Menschen zu verbinden und in Beziehung zu bringen. Einerseits untereinander – wie auch mit ihrer Umwelt, in Form der Aneignung von Sozialraum. «Aneigung impliziert das aktive Handeln des Subjekts, seine Auseinandersetzung mit der räumlichen und sozialen Umwelt» (Deinet/Reutlinger). Prozesse der Identifikation und Aneignung von Räumen ermöglichen es Individuen und Gemeinschaften, eine emotionale, soziale und kulturelle Beziehung zu ihrem Umfeld aufzubauen. Enge Beziehungen zu Nachbarn, Freunden oder lokalen Gemeinschaften, positive Erfahrungen und geteilte Erinnerungen verstärken diese Identifikation.
Durch Partizipation im Gemeinwesen kann sich Aneignung von – und Identifikation mit – dem Sozialraum vollziehen. So können Brücken zwischen Menschen entstehen, die zu einem neuem «Wir» führen (Husi).
Was sind die Gelingensbedingungen ?
Die Nobelpreisträgerin Ostrom hat untersucht, wie es gelingt, dass etwa in den Schweizer Alpen Allmenden (gemeinsam genutzte Weiden) seit Jahrhunderten einvernehmlich und gemeinsinnig genutzt werden können. Sie kam zum Schluss, dass die tragfähigsten Lösungen dann erzielt werden, wenn alle Nutzenden einbezogen werden, und gemeinsam Regelungen zum Umgang vereinbart werden. Die Formel von Graf Kielmannsegg lautet: je höher die Zahl und die Vielfalt der eingebrachten Ideen, desto mehr nähert man sich dem Optimum an, welches Gemeinwohl genannt werden kann.
- Eine zentrale Gelingensbedingung ist, präsent zu sein, nahe dran zu sein – vergleichbar mit einem Seismograph, der die leisesten Erschütterungen im Umfeld registriert und erfasst.
- Eine weitere Gelingensbedingung ist, die Menschen zu erreichen und ihre echten Bedürfnisse zu adressieren.
Durch die Partizipation am Zusammenleben kann in der Zivilgesellschaft sozialer Zusammenhalt entstehen und wachsen (Husi).
Soziale Arbeit, Soziokulturelle Animation, Gemeinwesenarbeit, Community Development u.ä. sind in diesem Kontext «professionelles Handeln zur Förderung von Zivilgesellschaft, Partizipation und Kohäsion» (Wettstein).
Quellenverzeichnis
- Deinet, Ulrich / Reutlinger, Christian (Hrsg.) (2004): „Aneignung» als Bildungskonzept der Sozialpädagogik. Beiträge zur Pädagogik des Kindes- und Jugendalters in Zeiten entgrenzter Lernorte. Wiesbaden: VS Verlag. 🔗 Aneignungskonzept als Praxistheorie – sozialraum.de
- Dürrenmatt, Friedrich (1962): Die Physiker. Zürich: Arche Verlag.
- Hampton, Keith N. / Sessions, Lauren F. / Her, Eun Ja (2011): Core Networks, Social Isolation, and New Media: Internet and Mobile Phone Use, Network Size, and Diversity. In: Information, Communication & Society, 14(1), S. 130–155. 🔗 Publikationsliste Keith Hampton – mysocialnetwork.net
- Husi, Gregor (2010): Teilnahme – Teilhabe – Teilsein. In: Wandeler, Bernard (Hrsg.): Soziokulturelle Animation. Professionelles Handeln zur Förderung von Zivilgesellschaft, Partizipation und Kohäsion. Luzern: interact Verlag, S. 191–237. 🔗 Sammelband Soziokulturelle Animation – interact-verlag.ch
- Husi, Gregor (2016): Only connect! Über den Zusammenhang von Zivilgesellschaft, Partizipation und Kohäsion.Zenodo. 🔗 Volltext – zenodo.org
- Jaun, Thomas (2010): Partizipation als professionelle Haltung. In: Wandeler, Bernard (Hrsg.): Soziokulturelle Animation. Professionelles Handeln zur Förderung von Zivilgesellschaft, Partizipation und Kohäsion. Luzern: interact Verlag.
- Lüttringhaus, Maria (2000): Stadtentwicklung und Partizipation. Fallstudien aus Essen-Katernberg und der Dresdner Äußeren Neustadt. Bonn: Stiftung Mitarbeit.
- Lüttringhaus, Maria (2009): Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer – Grundvoraussetzungen für Aktivierung und Partizipation. Newsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 20/2009 vom 09.10.2009. 🔗 Volltext Lüttringhaus – buergergesellschaft.de 🔗 Stufen der Partizipation – buergergesellschaft.de
- Ostrom, Elinor (1990/1999): Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge: Cambridge University Press. Deutsche Ausgabe: Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt. Tübingen: Mohr Siebeck. 🔗 Wikipedia-Eintrag Elinor Ostrom (mit Werkverzeichnis)
- Putnam, Robert D. (2000): Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community. New York: Simon & Schuster.
- Schwalb, Helmut / Theunissen, Georg (Hrsg.) (2012): Inklusion, Partizipation und Empowerment in der Behindertenarbeit. Best-Practice-Beispiele: Wohnen – Leben – Arbeit – Freizeit. 2. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer. 🔗 Verlagsinformation – kohlhammer.de
- Wandeler, Bernard (Hrsg.) (2010/2013): Soziokulturelle Animation. Professionelles Handeln zur Förderung von Zivilgesellschaft, Partizipation und Kohäsion. 2. Auflage. Luzern: interact Verlag. (Beiträge u.a. von Husi, Gregor und Wettstein, Heinz.) 🔗 interact-verlag.ch
- Wettstein, Heinz (2010): Soziokulturelle Animation als professionelles Handeln zur Förderung von Zivilgesellschaft, Partizipation und Kohäsion. In: Wandeler, Bernard (Hrsg.): Soziokulturelle Animation. Luzern: interact Verlag.
Weiterführende Fach-Links
| Thema | Link |
| Partizipation & Gemeinwesenarbeit (Wegweiser Bürgergesellschaft) | buergergesellschaft.de |
| Sozialraum-Fachportal | sozialraum.de |
| Fachportal Soziale Arbeit & Pädagogik | socialnet.de |
| Hochschule Luzern – Soziale Arbeit | hslu.ch/soziale-arbeit |
| Soziothek (CH) – Facharbeiten Soziale Arbeit | soziothek.ch |
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